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Director
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Sat 18 Nov 2017
at 14:50
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29. Dezember 2021
Pleroma 22
Ulsan, Koreanische Union

Leutnant Sim Jeong-Ja legte den endlosen Strang Papier beiseite und massierte ihre Augen. Zahlen. Seit achtzehn Stunden nichts als Zahlen. Und weiter spuckte der Drucker Blatt über Blatt aus. Das sanfte Hintergrundgelaber im Fernsehen erstickte zwar die mechanischen Töne des Tintenkopfes, tat aber wenig für ihre Konzentration.

Die ganz oben hatten keine Ahnung. Mit vier Leuten eine Suchaktion dieses Ausmaßes vorzunehmen war Selbstmord. Und selbst wenn sie das Schiff fänden, würde es einfach wieder an einen anderen Ort springen.

Im Fernsehen flackerte der Versammlungsraum der UN-Generalversammlung in New York vorbei. Christopher Fillmore stand am Rednerpult und versuchte verzweifelt, immer neue Vorwürfe aus aller Welt - selbst von ehemaligen Verbündeten - abzuwehren. Er konnte sich nicht einmal auf die London-Anomalie einschießen bevor ein persischer Diplomat auf die Tiamat zu sprechen kam. Und kaum war das geschehen, beschoss ihn ein Amerikaner mit Fragen zu psionischem Terrorismus, ehe er von einem Japaner abgelöst wurde, der fragte, warum Morpheus sich in den Machtkampf auf der Insel Itojima einmischte.

Jeong war froh, nicht in seinen Schuhen zu stecken. Andererseits waren auch ihre eigenen Schuhe kaum bequemer. Zwischen der manuellen Durchsicht von Wetter- und Aufklärungsdaten des Drohnennetzwerks fiel ihr immer wieder ein, dass die Rekrutierungsquote längst unterschritten war. Wie es gegenwärtig stand würde Pleroma 22 im Jahr 2021 keinen Rekruten vorzuweisen haben.

Sie seufzte und legte ein weiteres Blatt beiseite. Als sie das nächste greifen wollte, hörte sie einen Schlüssel in der Tür ihres Büros.

Es war fast Mitternacht. Niemand sollte um diese Zeit Dienst haben. Sie griff nach der Pistole, die unter dem Schreibtisch in einer Schublade lag und lud sie durch.

"Wer ist da?" fragte sie.

"Ein Freund, Leutnant," antwortete eine männliche Stimme.

Ein Mann trat in das dimme Licht des Büros. Sein Gesicht war verzerrt von Brandwunden und sein linker Arm hing lasch an seiner Seite. Doch auch wenn er ohne Bart und Haare kaum wiederzuerkennen war, brachte der richterliche Blick seiner Augen ihn unmittelbar in Jeongs Gedächtnis zurück.

Es war unmöglich, dass er hier vor ihr stand. Er war tot. Sie hatte seine Leiche gesehen. Morpheus hatte ihn beerdigt. Und doch stand her hier. "Oberst K-Kaito."

Masamune Kaito lächelte. Es war kein leichtes Lächeln, sondern eine Geste, die eindeutig Schmerzen für ihn bedeutete.

"Es ist gut, dich zu sehen, Jeong." Er nickte ihr zu. "Ich bin kein Offizier mehr. Maksim hat jetzt meinen Job, wie ich höre." Er blickte zum Fernseher. Eine Spur von Mitleid tanzte durch seine Augen. "Und Chris wünscht sich bestimmt, dass wir ihn nie geholt hätten."

Sie wollte es wahr haben, wollte sich sicher sein, dass Masamune Kaito, der Mann, der Mentor und Inspiration für eine ganze Generation von Morpheus-Psionikern war, wieder lebte. Aber sie konnte es nicht glauben. Er war eindeutig tot - und das hier musste ein psionischer Trick sein. Mit zitternder Hand hob sie die Waffe und zielte.

"Du willst wissen, was passiert ist. Warum ich wieder vor dir stehe. Warum ich atme. Ich verstehe. Ich bin nicht von den Toten zurückgekehrt, Jeong. Ich bin aus dem Exil zurück. Und es gibt nur einen Grund, warum - ich habe gesehen, dass ihr Hilfe braucht."

"Selbst wenn," brachte sie hervor. "Warum kommst du zu mir? Warum nicht zu Sevarin, Gesa oder Fillmore? Was habe ich--"

"Sie dürfen nichts von mir erfahren. Ich bin eine weitere Anomalie für sie. Du weißt, was sie mit Anomalien machen. Sag mir, wenn du mich hier nicht haben willst, und ich gehe wieder. Aber wenn du Hilfe brauchst. Wenn du willst, dass hier wieder Rekruten ankommen - lass mich dich unterstützen."

Zu viel von dem, was er sagte, klang nach einem Handel mit dem Teufel. Keine Hintergedanken? Blödsinn. Andererseits konnte sie seine Hilfe wirklich gut gebrauchen.

Er musste etwas vorhaben. Sonst wäre er nicht hier. "Du weißt etwas. Etwas wird passieren."

Langsam nickte Kaito. "Ich brauche deine Ressourcen, um Schlimmeres zu verhindern. Dafür bringe ich frisches Blut."

Im Fernsehen verließ Chris Fillmore unter lauten Pfiffen das Rednerpult und marschierte wutentbrannt aus der Generalversammlung. Jeong musterte Kaito, seine verbrannte Haut, seine alte Uniform ohne Rangabzeichen, die verbogene Brille in seiner Brusttasche. Er war ihr Mentor, keine Frage. Sie vernahm keine psionische Illusion und für Erklärungen musste sie sein Spiel mitspielen.

Sie legte die Pistole zurück in die Schublade.

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